Kungsleden im Juli 2008

Im Juli 2008 bin ich auf dem nördlichen Kungsleden durch Lappland gewandert.
Den besten Eindruck von der Reise bekommt man, von meiner Originalemail, die ich am Ende der eise aus Stockholm geschrieben habe:


Heja,
hiermit melde ich mich soweit gesund zurueck.

Da es in Lappland leichter ist einen Bären zu treffen als ein Internet-Cafe, schreibe ich erst am letzten Tag aus Stockholm.
gerade bin ich angekommen.

Auch wenn nicht alles nach Plan gelaufen ist, aber was lässt sich wirklich planen, wenn man in die Wildnis aufbricht, bin ich mehr als zufrieden, aber von Anfang an:

die 2 Tage in Stockholm waren toll und sommerlich warm. Die Stadt ist extrem sauber und die Leute sehr entspannt. Ich war hauptsächlich in der
Gamla Stan (der beruehmten Altstadt) und dem Vasamuseum.

Danach ging es per 18h-Fahrt mit dem Nachtzug nach Abisko.
Abisko liegt ca. 2700km vom Ruhrgebiet am 68.Breitengrad und damit knapp 200km nördlich vom Polarkreis.
War es in Stockholm noch 4h dunkel, so herrschte auf der weiteren Reise totale Helle. Das heisst man konnte rund um die Uhr laufen, lesen und schlecht einschlafen.
Mein Ziel war es den nördlichen Kungsleden von Abisko bis Hemavan (ca. 400km in 26 Abschnitten) in 23 Tagen zu erwandern.
Inklusive Zelt, Proviant und Co. hatte ich etwa 19kg Gepäck zu tragen (auf dem Jakobsweg waren es etwa 13kg).
Bereits an den ersten Tagen musste ich feststellen, dass das hier eine harte Nuss werden wird. Was hier an Höhenmetern im unwegsamen Gelände zu erlaufen war, spottete jeder Beschreibung. Dagegen war der Jakobsweg eine echte Lachnummer!
So habe ich auf den den ersten Etappen sicherlich deutlich mehr Kalorien verbraucht als gegessen.
Dennoch kam ich gut voran und hatte nach 8 Tagen bereits 12 Abschnitte geschafft. Ich lag also gut im Plan. Dann kam der Part nach Kvikkjokk, den kaum noch einer geht, da es sehr einsam wird und weder Huetten noch Proviantkauf vorhanden sind. Sah ich vorher noch ca. 10-20 Leute pro Tag, war ich nun komplett alleine unterwegs.
Zuerst nutzt man einen Bootstransfer und dann ist man auf sich gestellt.
Der erste Tag war gut, dann ging es ueber einen Berg und danach hörten die Zeichen auf ...
Tja, erst habe ich mich verlaufen, dann total verirrt.
Beim Versuch nach Kvikkjokk umzukehren, bin ich beim Durchqueren einen breiten Fluss nach Verlust der Gummischuhe durch die Strömung ins Wasser gefallen. Alles war nass, Papiere, Geld, Essen, einfach alles.
Dazu kam, dass ich im Sarek unterwegs war, der letzten Wildnis Europas. Hier gibt es nur ungeforsteten Wald, Moor, knöcheltiefen Sumpf, Wasser und viele Muecken. Beim Laufen geht es noch, aber wenn Du stehen bleibst, kommen die Biester in Scharen.
Naja, zwei Tage später bin ich an einem grossen See ausgekommen, auf dem sogar ein Ruderboot in ca. 200m Entfernung war. Die Schweizer haben mich dann mit zu ihrem Campingplatz mitgenommen.
da ich noch Essen fuer zwei Tage hatte, war die Situation kritisch, aber noch nicht lebensbedrohlich. Meine Unterarme und Hände waren mit etwa 100 Mueckenstichen eine einzige Beule. Die Fuesse sahen schlimm aus. Ich hatte 10 Blasen, wobei die Hacken bis auf rote Fleisch durch waren.

Ansicht dieser Umstände habe ich mich entschlossen einige Etappen per Bus zu ueberspringen und nur noch den letzten grossen Abschnitt Ammarnäs-Hemavan so gut es geht zu laufen (zwei Paar Socken, Pflaster und Papiereinlagen in die Schuhe, dann geht es schon).
Auf dem letzten 80km mussten auch nochmal sieben Bergruecken bezwungen werden. Hier kam es dann am vorletzten Tag zum absoluten Höhepunkt.
Ich lief durch ein U-Tal mit zwei hohen Bergen rechts und links. Da schlechtes Wetter aufkam, habe ich am Ende des Tals mein Zelt aufgebaut.
Als alle Wanderer weg waren, kamen die ganzen Rentiere von den Hängen.
Der absolute Wahnsinn!!! Sie hatten keine Angst vor meinem Zelt und so konnten ich ueber 100 Tiere aus nächster Nähe beobachten. Ein unvergesslicher Augenblick. Gegen 22h kamen sie nochmal vorbei und liessen sich fuer die Nacht im ganzen Tal nieder.
Diese Nacht war mit 4,4 Grad extrem kalt, so dass ich am nächsten Morgen mit angefrorenen Fingern aufgewacht bin. Aber egal, das war mir die Sache hundertmal wert.

Die restlichen Tage habe ich oberhalb von Hemavan verbracht und die Kalorienspeicher wieder aufgefuellt.

Was gab es sonst an besonderen Tieren auf der Tour?
Zwei Elche, etwa 2000 Rentiere aus der Ferne, eine Eule und zwei quirlige, kleine Lemminge. Von Bären, Wölfen, Fuechsen und Vielfrassen war nichts zu sehen.
Die schwedische Tastatur hat uebrigens kein "Ue".

Neben den Tieren stand auch der Austausch mit den Menschen im Vordergrund.
Wobei ich natuerlich immer nur kurze Bekanntschaften machen konnte, da alle unterschiedliche Wege laufen.

Besondere Highlights waren:
- Sander (Mitte 30) aus Groningen. Outdoor-Freak und Alpin-Kletterer. Er schreibt gerade ein Buch ueber Skandinavien. Ich durfte ihn zwei Tage begleiten und sehr viel lernen, seine Ausruestung bewundern. Er macht nun noch eine Gletscher-Tour durch Norwegen und wird sich im Herbst den Elbus im Kaukasus vornehmen. Leider fiel unsere Party in Jokkmokk wegen Partnerauswahl aus (nur Rentnerinnen und Mädchen vor Ort).
Wir werden uns wohl noch häufiger uebers Internet austauschen.
- der holländische Regierungsbeamte, der mich nach Jokkmokk mitnahm und gerne exotische Länder wie Iran, Oman und Co. bereist.
- Christian aus Deutschland, der den steilen Anstieh nach Aktse mit baumelnden Armen und ohne Schnaufen vorneweg lief. Ein Konditionstier.
- Jörg (Mitte 50) aus Basel, der ueber jeden meiner Witze lachte und mir gute Tipps fuer die Alpen gab.
- die 5 Schweden (Johan, Linda, Keira, Micaela und Ian), die kit mir den Tjäkta-Pass ueberquerten und wegen denen ich eine Nacht in der Fjällstation uebernachtet habe (hat sich aber nicht gelohnt).
- Tobias und Elisabeth aus der Schweiz, die mich retteten. Ihre selbstlose Art und Grosszuegigkeit ist unbeschreiblich. Ihnen bin ich zu ewigem Dank verpflichtet.
- alle weiteren, die ioch hier noch auffuehren wollte, aber meine Internet-Zeit laueft langsam ab.
Von denen erzaehle ich Euch dann mal so.

Insgesamt habe ich micht noch nie so erholt gefuehlt wie nach dieser Tour. Körperlich war es natuerlich sehr anstrengend, aber vom Kopf her fuehle ich mich frei und so voller Ideen, dass mir selber fast schon Angst wird.
Deshalb mein Appell zum Abschluss:
Stellt Euch der Natur. Macht Schluss mit dem Beach/Bungalow-Mist. Euer Körper hält mehr aus als Ihr denkt. Und die Natur zahlt es Euch vielfach zurueck.

Insgesamt war die ganze Tour deutlich grösser als erwartet. Von der Herzlichkeit der Menschen, der Härte der Etappen, der Kälte, der Natur und der Eindruecke auf mich bin ich völlig ueberwaeltigt.

So damit bin ich wieder raus.
Ich schaue mir jetzt noch die Styrokyrkan (der Dom des hl. Nikolaus) an und dann geht es langsam Richtung Airport.
Da ich erst am späten Abend in Duisburg bin, komme ich morgen nochmal unrasiert ins Buero. Ich kann Euch sagen, ein Monat hinterlässt Spuren :-)

Nun muss ich nur noch meine vier gefundenen Rentiergeweihstuecke (zwei gross, zwei klein) nach Deutschland und durch den Zoll bekommen. Immerhin habe ich sie ueber 200km mitgeschleppt.


Letzter Nachtrag: der Fotoapparat war kaputt. Alle Fotos konnten gerettet werden, wie man auf der Fotoseite sehen kann :-)